Ich war nie ein besonders anspruchsvoller Mann. All die Jahre habe ich vor mich hin gelebt und versucht das Leben zu genießen, egal welch üble Streiche das Schicksal für mich vorgesehen hatte. Das Verblassen meiner Jugend, der Tod meiner Frau und der Verlust meiner Arbeit – das alles, und noch viel mehr, habe ich versucht tapfer hinzunehmen. Ich habe getrauert, wenn ich trauern musste, ich habe geweint, wenn ich weinen musste und ich habe gewartet, wenn ich warten musste. Was bringt es schon, sich zu beklagen? Schließlich sind es die schweren Zeiten, die den unbeschwerten Tagen wahren Wert verleihen.
Doch all das gewöhnliche Leid, das meine Jahre auf Erden gezeichnet hat, hätte mich nicht vorbereiten können auf jenen Tag, der mir meine Freiheit, meinen Stolz und nicht zuletzt den festen Glauben in das Gute im Menschen, genommen hat. Die körperlichen Wunden sind schon lange verheilt, doch es passt kein Satz in keiner Sprache, um die seelische Last zu beschreiben, die ich seither mit mir zu tragen habe. Dennoch lasst mich heute, wo ich nichts mehr bin, außer ein vom Schmerz gezeichneter, alter Mann, gefesselt von den Ketten seiner Sünde, in aller Kürze, von diesem Tag berichten.
Es begann als ein Tag voll trostloser Stimmung und innerer Leere, und mit einem Himmel der so grau war, dass man wusste, dass das Ende des Sommers bald gekommen war. Und tief in meinem Inneren wusste ich vielleicht auch, dass am Ende dieses Tages ein ewig langer, grausamer Winter auf mich wartet. Heute kenne ich diesen Tag nur noch als jenen, an dem der Teufel sich mir offenbarte. Gewiss, in seiner süßesten und schönsten Form, doch umso fieberhafter und gnadenloser in seiner gottlosen Zerstörungswut.
Die Wochen und Monate zuvor waren unbeschwert gewesen, ja vielleicht sogar die besten meines Lebens. Im Frühling jenes Jahres durfte ich meinen 50. Geburtstag feiern. Und Gott nutzte diesen Tag, da bin ich mir sicher, um mir zu zeigen, wie sehr er mich damals noch liebte. Als ich am Morgen meine Wohnung verließ, erwarteten mich all meine Freunde im Hof unserer Siedlung um mich mit einem riesigen Fest zu überraschen. Es gab Grillwürstchen und Musik und es wurde viel gelacht. Und als wäre das nicht schon genug gewesen, schenkten mir meine Freunde das größte und teuerste Geschenk, das ich je bekommen habe: 50 Kisten Bier, zu meinem 50. Geburtstag. Ich verstand die Symbolik sofort. Doch leider wusste ich nicht so ganz, wie ich diesen wunderbaren Menschen danken sollte. Am dankbarsten war ich dem Gustl, dem besten und engsten meiner Freunde. Denn nur er kannte mich gut genug, um zu wissen, wie glücklich mich so ein Geschenk machen würde.
Gustl war der beste Nachbar, den man sich wünschen konnte. Ein humorvoller, weltoffener Mann und sehr zuverlässig noch dazu. Als meine Frau und ich als junges Paar hier einzogen, waren er und Magdalena, seine Frau, die ersten die uns mit einer guten Flasche Wein besuchen kamen. Ich glaube ich wusste auf Anhieb, dass ich einen Freund fürs Leben gefunden hatte. Und auch unsere Frauen waren bald die besten Freundinnen, und sie wären es wohl heute noch, hätte Gott sich nicht entschieden, die Meinige zu sich zu berufen. Gustl hat mir damals sogar geholfen, meinen Arbeitsplatz zu bekommen, der es mir über viele Jahre ermöglichte, Geist und Körper zu ernähren. Ohne seine Empfehlung, da bin ich mir sicher, wäre ich nie in der „Bude“, wie wir es nannten, untergekommen – dem größten und erfolgreichsten Zulieferbetrieb der Autoindustrie in der gesamten Region. Mehr als 25 Jahre lang waren wir Arbeitskollegen. Umso untröstlicher bin ich, dass wir am selben Tag, dem Montag nach meinem 50. Geburtstag, entlassen wurden. Obwohl Gustl, da bin ich mir auch sicher, ein weitaus besserer Arbeiter war als ich. Doch es waren wirtschaftliche Krisenzeiten und viele, gute Arbeiter mussten gehen.
Wie gesagt bin ich kein Mann, der großes Klagen als sinnvoll empfindet, doch noch weniger bin ich ein Mann der Gier und des Geizes. Und schließlich war der Staat, in dessen Kassen wir so viele Jahre eingezahlt hatten, nun bereit, uns sechs Monate lang ein ausreichendes Einkommen zu bezahlen, bis wir neue Arbeit gefunden hatten. Und schließlich war ich ja auch im Besitz von noch fast 50 Kisten Bier, die ich gerne bereit war, mit meinen Freunden und Nachbarn zu teilen. Und so blickte ich auf einen unbeschwerten Sommer hin und die Tage wurden länger und die Nächte wurden kürzer.
An vielen Tagen schien die Sonne und Gustl und ich, und manchmal auch andere Nachbarn und Freunde, saßen im Hof und tranken das Bier. Wir waren gut gelaunte, alternde Männer, die das Leben in vollen Schlucken zu genießen wussten. Es war schon eine angenehme Zeit. Doch die kleinen Problemchen des Alltags wollten selbst in jenen Tagen nicht ganz ausbleiben. So bereitete mir Magdalena, Gustls Frau, nicht unerhebliches Kopfzerbrechen. Ohne Zweifel war sie eine intelligente Frau, offensichtlich mit Glück gesegnet, doch leider auch das zweifellos ungeschickteste Wesen, das ich je getroffen habe.
Es war noch nicht einmal der längste Tag gekommen, da war sie schon zum dritten Mal in diesem Jahr einem schweren Treppensturz zum Opfer gefallen. Wenn sie in den Hof kam, um uns Wurstsemmeln zu bringen, verunstalteten blaue Flecken und eitrige Platzwunden ihr sonst so hübsches Gesicht. Ich machte mir große Sorgen um ihre Gesundheit. Wie viele solch unglückliche Unfälle konnte die arme Frau noch ertragen? Was, wenn sie sich einmal das Genick brach, oder den Schädel, oder verblutete? Gustl hatte natürlich auch große Angst um sie, noch viel mehr als ich wahrscheinlich. Einmal starrte er abwesend auf den Asphalt, die Hand zu einer angespannten Faust geballt, und sagte: „Wenn sie nur nicht so ungeschickt wäre“, und nahm einen großen Schluck aus seiner Bierflasche und einen großen Bissen von seiner Wurstsemmel. Und ich überlegte derweil, ob es nicht möglich wäre, dass Gustl und Magdalena eine Wohnung im Erdgeschoß bekommen, oder ob ich Magdalena irgendwie einreden könnte, dass sie in Zukunft nur noch den Lift nehmen soll.
Doch trotz des Kopfzerbrechens waren jene Tage keine schlechten und Bier war auch noch reichlich vorhanden. Und zugegeben: was wäre das Leben ohne die kleinen Probleme und Zwischenfälle, die es erst interessant und lebenswert machen? Solches Denken mag mir heute naiv erscheinen, aber was hätte es mir damals gebracht, diese Tage nicht zu genießen? Und so genoss ich auch jenen ersten heißen Sommertag, an dem mich der Teufel zum ersten Mal ins Auge fassen sollte. Es war der erste Tag an dem es so richtig heiß war und Gustl und ich saßen im Schatten und nippten an unserem kühlen Bier. Auf den ersten Blick war alles wie immer. Die alten Weiber gingen mit ihren Hündchen spazieren und die jungen Burschen schraubten am Parkplatz an ihren Autos herum. Doch am Kinderspielplatz, den man von unserem schattigen Plätzchen aus gut sehen konnte, war etwas anders. Zwei der Kinder waren neu. Das eine, ein kleines blondes Mädchen von vielleicht sieben Jahren, mit blauen Augen und einer roten Schleife im Haar – ein Anblick von unglaublicher Unschuld. Das andere ein hässliches Negerkind, mit verfilzten Haaren und Augen so schwarz wie die Nacht – regelrecht widerwärtig anzusehen. Die beiden miteinander spielen zu sehen, wirkte wie eine grausame Laune der Natur. Der Junge, der mir Furcht einflößte, griff das Mädchen ständig an und das schien sie – trotz aller Unschuld – nicht weiter zu stören. Hin und wieder setzten sie sich hin und feuchter Sand blieb auf ihren Hüften, zwischen Rock und Strümpfen, kleben. Es schlug mir kräftig auf den Magen mit anzusehen, wie diese dreckigen, schwarzen Pranken über diese reine, weiße Haut glitten, um den Sand wieder abzuputzen. Und dann zwickte er sie sogar, und griff ihre Haare an. Das Bier schmeckte ein wenig bitter. Ich musste das schwarzäugige Monster weiterhin im Auge behalten, denn ich ahnte schon, dass es nichts Gutes im Schilde führt.
Nur wenig später eskalierte die Situation. Die kleinen Berührungen waren dem Neger wohl nicht genug und er stürzte sich mit voller Kraft auf das zarte, zerbrechliche Mädchen. Ja ich könnte schwören, er hat dabei sogar die Zähne gefletscht – wie ein wildes Tier. Dann riss er ihr die rote Schleife aus dem Haar. Sie brach sofort in Tränen aus. Paralysiert starrte ich auf den weinenden Engel – unfähig einzugreifen, trotz aller Voraussicht. Doch Gustl, der immer schon der mutigere von uns beiden war, war zum Glück schnell genug um weiteres Unheil zu verhindern. Er stellte sein Bier ab, sprang auf und rannte zur Sandkiste. Mit einem Satz ging er in die Knie, zog seine Hand auf und schlug dem schwarzen Flegel ins Gesicht. Dann verjagte er den Neger, der nun auch weinte, als wäre er es, der unschuldig ist. „Der rennt hoffentlich dorthin zurück, wo er hingehört!“, sagte ich und nahm einen Schluck von meinem Bier.
Dann nahm der Gustl die Kleine auf den Arm und trug sie zu unserer Bank. Er strich ihr tröstend durch das schulterlange Haar und begann die rote Schleife wieder einzufädeln. Sie trug ein kurzes, hellblaues Röckchen und dazu passende Strümpfe. Ihre Füßchen waren in kleine, grüne Sandalen gezwängt und die weiße Bluse strahlte fast genauso rein wie ihre Haut. Und als die Tränen getrocknet waren, kamen die strahlend blauen Augen wieder zum Vorschein. Ich verspürte den Drang sie anzugreifen, wollte ihr auch so durch die Haare streichen, wie der Gustl. Doch ich hatte nicht den Mumm dazu, so sehr es mich auch danach verlangte. Stattdessen versuchte ich, ihr ein aufmunterndes Lächeln zuzuwerfen. Und ich werde nie vergessen, wie belebend das Blut in meinem Körper zu zirkulieren begann, als sie dieses Lächeln erwiderte. Ich hätte noch stundenlang in diesen Augen versinken können, da ertönte der Schrei einer Mutter quer über den Hof. „Katharina! Komm jetzt heim!“, und die Kleine drehte sich um und war weg. Einfach verschwunden. Nur ein feiner Hauch ihres süßen Dufts war noch in der Luft wahrzunehmen.
Diese beeindruckende Begegnung hatte neuen Schwung in jenen Tag, ja in mein Leben, gebracht. Ich öffnete zwei frische Bierflaschen und reichte eine davon dem Gustl, der ja ein richtiger Held war. Wir erhoben die Flaschen zum Prost und stießen darauf an, dass sich das Negerkind nie wieder in unserem Hof blicken lassen würde. Und wir tratschten und lachten und tranken und freuten uns des Lebens bis spät in die Nacht hinein und wir tranken so viel von unserem Bier, wie noch nie zuvor an einem Tag.
Und so verging die Zeit und die Tage wurden langsam wieder kürzer, aber immer noch ein bisschen heißer, und mein Bier wurde immer schneller weniger, weil wir gegen die Hitze ja viel trinken mussten. Den schwarzen Störenfried hatten wir bald vergessen, doch an Katharina musste ich jeden Tag denken. Und einmal, als ich beim Greißler war, viel mir ein Regal auf, das voll war mir bedruckten Kaffeehäferln. Auf einem davon stand „Katharina – die Unschuldige“. Das Häferl war zwar nicht ganz billig, aber ich musste es kaufen, in der Hoffnung, Katharina bald wieder zu sehen. Und eines Tages, gerade zur heißesten Mittagszeit, sah ich sie tatsächlich über den Parkplatz huschen. Der Hitze zum Trotz verließ ich meinen schattigen Sitzplatz und lief zu ihr hinüber, mein Bier noch in der Hand. Und wieder durfte ich mich an diesem wunderschönen Lächeln ergötzen – und an diesem Geruch. Wie ein Engel, der auf seine Flügel wartet.
Ich bat sie, kurz auf mich zu warten und auf meine Flasche aufzupassen. Dann eilte ich schnell hinauf zu meiner Wohnung um das Häferl zu holen. Wieder am Parkplatz, beugte ich mich zu ihr hinunter und sagte: „Hier, das ist für dich“. Sie stellte die Bierflasche auf den Boden und nahm das Häferl mit beiden Händen, als sie die Aufschrift las und sich ihre zarten, kleinen Finger sich um den Henkel wickelten. Ein Hauch von Erregung durchzuckte meinen Körper, als sie die Wimpern aufschlug, mit ihrer Hand zärtlich über meinen Daumen strich und leise „Danke“ flüsterte. Es war einer von jenen kostbaren Moment, in denen man alles um sich herum vergisst und sich von einem überwältigenden Augenblick fesseln lässt, in dem man hofft, die Zeit könnte stillstehen. Doch lange, so schien es, wollte mir der Herrgott dieses Glück nicht vergönnen. Denn plötzlich erschien ihre Mutter und unterbrach unseren Frieden. Sie stürmte auf den Parkplatz, stellte sich zwischen mich und ihre Tochter und riss Katharina zu sich hoch. „Lassen sie meine Tochter in Ruhe! Greifen Sie sie nie wieder an!“, schrie sie und warf das Häferl zornig auf den Boden. Mit einem dumpfen Klirren zerschellte es am Asphalt und ich durfte Katharina, der unschuldigen, nicht einmal einen letzten Blick zuwerfen, bevor ihre Mutter sich umdrehte und sie fort trug.
Verdutzt, traurig und wütend stand ich in der schweißtreibenden Hitze, ein lauwarmes Bier in der Hand. Vor mir die Scherben eines glücklichen Moments. Warum durfte ich dem Mädchen keine Geschenke machen? Was hatte ihre Mutter gegen meine Zuneigung einzuwenden? Und würden wir uns jemals wieder sehen dürfen? Ich fühlte mich wie ein gebrochener Mann. Nicht einmal Gustl konnte mich an diesem Tag noch aufmuntern. Zutiefst gekränkt, wollte ich lieber alleine sein. Ich nahm mein restliches Bier und setzte mich ins Badezimmer, den kühlsten Raum in meiner Wohnung. Und ich starrte an die Wand. Ich muss wohl stundenlang dagesessen sein, immer denselben Punkt fixiert, dieselbe, graue Fließe an der Mauer. Und das Bier ist geronnen und ich weiß nicht mehr wann genau ich eingeschlafen bin und anfangs war ich mir ja gar nicht sicher, ob ich jetzt träume oder nicht. Denn auf einmal war Katharina bei mir. Hier, im Badezimmer. Ich konnte sie sehen, ich konnte sie riechen. Ich wollte sie spüren. Nach ein paar verdutzen Blicken streckte ich meine Hand nach ihr, ganz langsam, um sie nicht zu verängstigen. Ich strich ihr über die Schulter, griff mit meinen Fingern sanft nach ihrem Oberarm und zog sie sachte zu mir her. Sie setzte sich auf meine Oberschenkel und ihr kleiner, hellblauer Rock glitt nach oben und ich konnte ihre warmen Hüften fühlen – richtig spüren! Dann begann ich sie am Nacken zu kraulen, zog ihren Kopf ganz nah an meine Nase, so dass mich die rote Schleife kitzelte, und ich roch an ihrem Haar. Ihr Duft verzauberte mich. Ich war wie in Trance und begann sie immer fester zu umarmen. Und sie schien die Nähe zu genießen und begann mir liebevoll die Schenkel zu kraulen. Dann griff ich langsam unter ihre Bluse und begann über ihren Rücken zu streichen und über ihren Bauch. Und auch sie streichelte mich – erst ganz zärtlich, doch dann immer heftiger – auf eine Weise, wie es seit dem Tod meiner Frau keine mehr getan hatte.
Am nächsten Tag war mir klar, dass alles nur ein Traum gewesen war und ich war wieder traurig und schämte mich ein bisschen dafür. Wie konnte ich mir nur erträumen, dass Katharina und ich miteinander glücklich sein würden? Wir durften uns doch nicht einmal sehen, geschweige denn, berühren. Ich blickte in den Spiegel. Blickte tief in die drüben, farblosen Augen, die mich da anstarrten. Sah die dicke, rote Nase. Die buschigen Augenbrauen. Den ungepflegten Bart. Das rote, aufgeblähte Gesicht. Und ich übergab mich.
Als ich die leeren Bierflaschen aus dem Badezimmer räumte bemerkte ich, dass meine Biervorräte nahezu leer waren. Zuerst nahm ich mir vor, mir die letzten Flaschen besonders gut einzuteilen, aber als die Mittagsstunden nahten, realisierte ich, dass das bei dieser Hitze unmöglich war. Also setzte ich mich wieder auf die schattige Bank im Hof und begann zusammen mit dem Gustl Bier zu trinken. Und alles war fast wieder so wie früher und es war ganz normal und es hat gut geschmeckt. Und als meine Vorräte noch am selben Tag aufgebraucht waren, erklärte mir der Gustl, dass ich ja noch Pfand auf die leeren Kisten bekommen würde. Und dass ich mir für drei leere Kisten wieder eine volle holen konnte. Und das tat ich auch und der Gustl half mir dabei, die leeren Bierkisten zum Greißler zu schleppen und die vollen vom Greißler zurück zu unserer Siedlung. Und so vergingen die Tage und langsam wurden die Nächte wieder länger und die Tage wieder kürzer und man brauchte gar nicht mehr den ganzen Tag im Schatten zu sitzen, weil es nicht mehr so heiß war. Und irgendwie hatte ich mich damit abgefunden, dass Katharina und ich uns nie wieder sehen würden.
Als mein Bier dann komplett weg war und ich auch keine leeren Kisten mehr hatte, die ich gegen volle Kisten eintauschen konnte, war das Wetter so scheußlich und grau, dass ich daran erinnert wurde, dass der Sommer bald zu Ende sein und ich bald eine neue Arbeit brauchen würde. Also stand ich auf, an diesem trostlosen Morgen, und fühlte mich innerlich leer und ausgebrannt. Ich zog mir den alten, braunen Übergangsmantel an, den mir meine Frau vor über 20 Jahren geschenkt hatte und machte mich auf den Weg zum Greißler. Dort kaufte ich mir eine Flasche Wein und die Verkäuferin packte sie in eine braune Papiertüte, die farblich sehr gut zu meinem Mantel passte. Vor dem Geschäft begann ich zu überlegen, ob ich es schaffen würde nachhause zu kommen, bevor es zu regnen beginnt oder ob ich mich besser irgendwo unterstellen sollte, um meinen Wein zu trinken. Also nahm ich ein paar Schlücke aus meiner Weinflasche und als sie nur mehr halb voll war, schraubte ich sie wieder zu. Dann entschied ich mich, mich auf dem schnellsten Weg zurück zur Siedlung zu machen.
Als ich, nichts ahnend, zwischen einer Hecke und einem verlassenen Balkon um die Ecke bog, da stand sie plötzlich vor mir. Katharina. Und ich dachte mir: ein wahrer Sonnenstrahl in dieser sonst so erdrückenden Atmosphäre! Wieder trug sie ihr kurzes, hellblaues Röckchen, doch Strümpfe hatte sie diesmal keine an. Auch keine Sandalen. Viel mehr bohrten sich ihre verschwitzten, kleinen Zehen nackt und unbedeckt in den dunkelgrünen Rasen. Schweigend starrten wir uns an und es war beinahe so wie in meinem Traum. Ich näherte mich ihr langsam und ging vor ihr in die Knie, so dass wir auf derselben Höhe waren. Und ich bewunderte ihr Gesicht. Ihre blauen Augen waren schöner als je zuvor. Und sie schienen sich zu verändern, ja noch schöner zu werden. Immer tiefer und immer dunkelblauer und immer stechender wurden sie, und es wirkte so, als wären sie kurz davor, mich zu bei lebendigem Leibe zu verschlingen. Langsam hob sie ihren Arm und griff nach meiner Schulter. Als sie mit einem kleinen Schritt noch näher an mich heran rückte, so dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten, durchzuckte mich pure Begierde. Und in dem Moment, in dem das magische Knistern in der Luft am aller stärksten war, gerade als mein Wille dabei war umzukippen, geschah es. Ihre Augen – sie verfärbten sich weiter. So, als würden sie plötzlich von Teer durchflossen, und sie wurden so dunkel und schwarz, wie ich es erst einmal gesehen hatte. Auf einmal hatten sie nichts Unschuldiges, Blaues, Beruhigendes mehr. Viel mehr waren sie abscheulich und dunkel und furchteinflößend. Ja ich will sogar behaupten, es war wahrhaftig der Blick des Teufels, der mich da zu durchbohren versuchte. Und nichts, außer dem unschuldigsten Wesen überhaupt, konnte einem so abscheulich widerwärtigen Teufel als Tarnung dienen. Ich ließ meine Flasche fallen. Sie zerklirrte am Boden – so wie damals das Kaffeehäferl – und wieder war eine Illusion zerstört. Es war nicht Katharina, die mich da anstarrte, es waren die schwarz glitzernden Augen des Negerkindes, die mich zu zerfleischen drohten.
Und ich konnte mich nicht wehren, denn dieser stechend süße Duft hatte mich längst in seinen Bann gezogen und so war ich den niederen Gelüsten dieser Kreatur hilflos ausgeliefert. Ein gelber Schimmer durchzuckte die Raubtier-Augen, als sie ihr Maul aufriss um ihre Lippen auf mein Gesicht zu pressen. Ich versuchte mich abzuwenden, doch alles was ich dann sah, waren die kleinen, hellblauen Strümpfe und das kleine, verschwitzte, weiße Unterhöschen, dass da in der Wiese lag. Widerstand war zwecklos. Mit einem dominanten Stoß warf sie mich zurück und mein Hinterkopf kam mit einem dumpfen Schlag auf dem Rasen auf. Mit messerscharfen Krallen fetzte mir das Biest die Kleider vom Leib, ließ seine Pranken durch meine Haut gleiten und hinterließ blutige Striemen. Glasscherben bohrten sich in meinen Rücken. Schmerzhaft und qualvoll begann die grauenhafte Prozedur, die ich nicht einmal heute, nach all diesen Jahren, mit all ihren schrecklichen Details zu beschreiben vermag.
Entwürdigt und hilflos lag ich da, unfähig mich zu wehren, mich zu verteidigen. Mein Stolz gebrochen, meine Ehre zerstört. Und auch das körperliche Leid war unerträglich, als mich der Teufel ritt, in Gestalt dieses kleinen, heiß gewordenen Mädchens. Widerwillig gab ich mich dem Akt des Bösen hin, der langsam aber sicher dabei war, mich in eine diabolische Ekstase zu versetzten. Und je größer meine körperliche Anspannung wurde, je mehr ich in Wallung geriet, desto entwürdigender und vernichtender wurde die ganze Zeremonie. Dann löste sich die rote Schleife aus ihrem Haar und glitt langsam auf mich herab. Für einen Moment verdunkelte sie meine Augen. Und ich stellte mir vor es wäre die echte, die unschuldige Katharina, mit der ich es da treibe. Ein kurzer Moment des Genusses. Er war zerstört, als das Biest laut zu stöhnen begann. Es kreischte regelrecht, mit lauter, klirrender Stimme. Widerwillig begann auch ich zu stöhnen und zu lechzen. Konnte uns denn niemand hören? Konnte keiner kommen um das Schlimmste zu verhindern?
Und schließlich kam jemand. Ich. In einem gewaltigen Höhepunkt der Folter explodierte ich im Innersten dieses einst so unschuldigen Wesens, dieses kleinen, blonden Mädchens. Mein aufgedunsener, roter Schädel kippte zur Seite und mit krampfhaft aufgerissenen Augen starrte ich mitten ins Leere. Mein blutiger Schwanz begann zu erschlaffen. Der Teufel hatte bekommen, was er wollte und nun war er verschwunden. Ich konnte hören, wie ein weinendes Mädchen in der Wiese lag. Und auch ich begann zu weinen. Zum aller ersten Mal, seit meine Frau begraben war. Irgendwann blieb ich dann regungslos liegen und schluchzte nur noch leise. Und Katharina, das unschuldige Menschenkind dessen Gestalt der Teufel genutzt hatte um mich zu verführen, rannte weg.
Was war nur aus mir geworden? War ich am Tag zuvor noch ein stolzer, unabhängiger Mann gewesen, war ich nun vergewaltigt und geschändet worden. Meine Lebensenergie wurde mir gewaltsam ausgesaugt und ausgetauscht gegen eine schändliche Bürde, die ich nun bis zum Ende meiner Tage – ja bis zum Ende der Ewigkeit – mit mir zu tragen habe. Der Teufel hatte mich missbraucht, zur Befriedigung seiner sündhaften Lust, und ich würde niemals verstehen, warum. Und heute sitze ich hier – hier, wo mir nichts bleibt außer Stift und Papier – und schreibe schwermütig an diesen Zeilen. Und wieder stehen mir die Tränen in den Augen. Denn ich weiß, dass mein Leben vorbei ist und ich nur noch auf den Tod warten kann, der mich dann in ein Reich noch größerer Folter und Qualen geleiten wird, wo der Teufel bereits lüstern auf mich wartet. Bis dahin vegetiere ich vor mich hin, vollkommen unerwünscht und unbeachtet. Von allen vergessen. Und ich verabschiede mich von dieser Welt, die kein Verständnis hat für mein tragisches Schicksal und in der es keinen Platz gibt – und wohl nie geben wird – für meine Liebe, meine Lust.
(c) J. C. Zeller
_________________ when you get to the right place, with the right people, quarter this.
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