Alle Personen und Begebenheiten in der folgenden Erzählung sind vollkommen fiktiv und frei erfunden.
Hangover Thoughts
Ich wurde aufgeweckt, weil irgendjemand an meiner Tür war und fieberhaft klingelte. Mein Rachen war komplett ausgetrocknet, das Blut pochte in meinem Kopf und irgendetwas in meinem Magen sehnte sich danach, in die Kloschüssel gespieen zu werden. Der schreckliche Kater war mit einem üblen Blackout verbunden – was hatte ich gestern bloß angestellt? Die Wohnung sah aus, als hätte mich eine Horde entflohener Sträflinge besucht, vollkommen darauf versessen, keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Ausgedämpfte Zigaretten und Jointstummeln übersäten den Fußboden, die Couch wies Faustgroße Brandlöcher auf, weißer Staub auf dem Nachttisch deutete auf den hemmungslosen Konsum von Kokain hin. Ein beißender Geruch ließ auf verschütteten Fusel schließen, und über dem Fernseher hängte mein neues Button-Down-Hemd – zur Hälfte verbrannt. Ich öffnete die Tür und nahm einen eingeschriebenen Brief entgegen. Der Postbote schwätzte mir noch eine Unterschrift ab, dann schmiss ich das Schreiben auf den Wohnzimmertisch und öffnete alle Fenster, um den schrecklichen Gestank los zu werden. Ich trank ein Glas Wasser und versuchte mich an den Vortag zu erinnern. Tagsüber hatte ich gearbeitet. Hatte es grade noch geschafft, so einen verfickten Bericht über den neuen Stadtrat bis zum Redaktionsschluss fertig zu bringen. Danach hatte ich die Wohnung auf Vordermann gebracht. Hatte alles geputzt, es war richtig sauber. So eine Scheiße aber auch! Abends traf ich mich mit Frank und ein paar Mädels. Ich hatte in letzter Zeit so viel gearbeitet, dass ich richtigen Notstand hatte. Hätte wohl gern eine der Damen flach gelegt. Jedenfalls konnte ich mich erinnern, früh mit dem Trinken begonnen zu haben. Ich war wohl in schlechter Kondition und der Alkohol muss seine Wirkung viel schneller als gewohnt gezeigt haben. Schon früh begann die Erinnerung zu verblassen und nach einigen Stunden riss der Film endgültig. Wie lange dauerte der Exzess noch? Und was genau war mit meiner Wohnung geschehen? Ich entschloss mich, nicht weiter darüber nach zu denken, und den Katertag wie gewohnt zu verbringen. Ich trank noch ein Glas Wasser, nahm meine Medikamente und ging zum Kühlschrank. Dort erblickte ich etwas, das dazu führte, dass die Tabletten zusammen mit meinem restlichen Mageninhalt kurz darauf in der Toilette schwammen – irgendein degeneriertes Schwein hatte mir in den Kühlschrank gekotzt. Höchstwahrscheinlich ich selbst. Mein Körper befand sich in einem miserablen Zustand. Letzte Woche hatte mir der Arzt gesagt, wenn ich meine Gesundheit weiterhin so ficke, würde sich nur die Frage stellen, ob ich zuerst eine Herzmuskelentzündung oder ein Burn-Out-Syndrom bekomme. Das beunruhigte mich, aber ich hatte seit dem Besuch in der Arztpraxis nicht weiter darüber nachgedacht. Besser gesagt hatte ich seither keine Zeit gehabt, darüber nach zu denken. Ich nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank, wischte das Erbrochene von der Dose, und trank sie aus. Nebenbei drehte ich mir einen starken Joint, den ich im Anschluss auch rauchte. Danach legte ich mich ins Bett und dachte nach. Ich lag einfach nur da, ganz in meinen Gedanken versunken. Was der Arzt gesagt hatte, beschäftige mich. Was hatte ich nur mit meinem Leben gemacht? Und wie sollte es weiter gehen? Sind es nicht zu viele exzessive Jahre gewesen, um jetzt einfach damit aufzuhören? Was war ich nur für ein Dreckssack geworden. Arbeit, Stress, Saufen und Drogen. War der ganze Stress nur eine faule Ausrede für die riesige Sauftour, die mein Leben geworden war? Was für ein heruntergekommenes Ekelpaket ich bin… Keine Freude, keine Ideale mehr. Ich bekam eine Gänsehaut, solche Anwiderung empfand ich vor mir selbst. Und was kommt jetzt? Das nächste Bier? Oder ein Joint? Warum nicht beides? Nein! Schluss damit. Ein für alle mal. Ein für alle mal entschloss ich mich, dem Sex, Drugs & Rock’n’Roll-Lifestyle abzusagen. Kein Bier mehr, keine Drogen mehr. Meine Entscheidung war gefallen. Ein klarer Kopf, ein bisschen Sport und endlich wieder fit werden! Motivation, das ist das Zauberwort. Und diese hatte mich gepackt. Ich raffte mich auf und begann, den ärgsten Dreck wegzuräumen. Dabei viel mir der Brief ein, den ich zuvor erhalten hatte. Der Absender war ein asiatisches Unternehmen. Das, für das mein Vater arbeitete. Ich öffnete ihn und begann zu lesen. „Sehr geehrter Herr Aaronson, auf Empfehlung eines unserer Mitarbeiter erlauben wir uns Ihnen anzubieten…“ – es ging um einen Job. Die Firma brauchte jemanden für das Verfassen von Werbetexten, Katalogbeschreibungen und Rundschreiben an die Arbeiterschaft in Englischer Sprache. Sogar eine Firmenzeitung – wahrscheinlich unter meiner Leitung – sei in Planung. Das Angebot war verlockend: gute Bezahlung, kostenloser Wohnsitz auf dem chinesischen Festland und viel Freizeit. Sogar ein eigener Chauffeur würde mir zur Verfügung stehen. Ich könnte dort leben wie ein königlicher Penner! Ich zerknüllte das Schreiben sofort und warf es in den Mülleimer. Sauber werden, war jetzt die Devise. Sauber werden und nüchtern bleiben. Ein Jobangebot aus Asien? Vollkommen uninteressant! Ich machte mich weiter an die Aufräumarbeiten und nach gut zwei Stunden war die Wohnung wieder auf Vordermann – von der verwüsteten Couch und dem ruinierten Hemd abgesehen. Dann sah ich mich bereit – ja nahezu gezwungen – weitere Schritte einzuleiten, die mein neues, sauberes Leben manifestieren sollten. Es tat mir nicht im Geringsten weh, als ich meine gesamten Biervorräte in den Ausguss goss. Das Gras wollte ich sinnvoller loswerden. Die letzten Reste die ich zuhause hatte, brachte ich meinem Nachbarn vorbei – dieser könnte sie sicher noch gebrauchen. Nach getaner Arbeit versuchte ich mir ein möglichst gesundes Abendessen zu zaubern und legte mich anschließend ins Bett. Ich nutzte die Zeit bis ich einschlafen konnte, um über mein neues Leben nach zu denken. Wieder Sport treiben, auf alte Hobbys konzentrieren, Freunde aus alten Tagen treffen, die nüchtern sind. Ach, es würde einfach wunderbar werden, mein schönes, neues, sauberes Leben. Gut drei Wochen später saß ich in Macao am Spieltisch. Den Kopf voller Koks, neben mir zwei Edelnutten und vor mir ein volles Glas.
(c) J. C. Zeller 2006
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Last edited by Dr_Zeller on 03.12.2006, 11:34, edited 2 times in total.
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Quote:
irgendein degeneriertes Schwein hatte mir in den Kühlschrank gekotzt. Höchstwahrscheinlich ich selbst.
Ansonsten find ich diese Stimmungsschwankung sehr interessant... erst lach ich noch über den zitierten satz und dann mach ich mir Gedanken über fertige Drogenkonsumenten...
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